August der Starke… Europäer

Dresden will sich als Europäische Kulturhauptstadt 2025 bewerben. Kann dafür ein “oller König”, der schon fast dreihundert Jahre tot ist, noch etwas beitragen? Wie werden Europa, Deutschland und Dresden in knapp neun Jahren aussehen? Ein Statement.

goldener_reiter_pixabay_mit_slogan  Fotomontage: Stefan Grahl

Neulich bin ich in einen Workshop geraten. Ein Dutzend junger Leute diskutierte leidenschaftlich über das Thema “Dresden – Kulturhauptstadt Europa 2025?” Das Fragezeichen im Titel war nicht zufällig gewählt. Den Tenor der Meinungen kann man auf den Punkt bringen: Kulturhauptstadt ja, Dresden mit Fragezeichen. Schöne Stadt und herrliche Landschaft… aber die Einwohner. Kritisch wurde deren konservativer Geist genannt. Man beziehe sich zu stark auf lange Traditionen der “Hochkultur”, klebe sinnbildlich am höfischen Leben des “ollen König” fest. Was von draußen kommt, würde argwöhnisch betrachtet, wenn nicht gar abgelehnt. Leipzig (auch Sachsen) wäre anders, aufgeschlossener. Vieles von dem, was gesagt wurde, stimmt leider mit meinen Erfahrungen überein und doch…

August der Starke,  Friedrich August I. von Sachsen also (1670 – 1733), war ein Europäer von Format. Nach einer standesgemäßen Ausbildung, bei der er auch Italienisch, Französisch und Spanisch lernte, wurde der junge Prinz auf eine dreijährige Tour zu den großen europäischen Königshäusern geschickt. Dort erlebte er, wie absolutistisch regiert und wie Kunst und Kultur gefördert wurde. Diese Eindrücke nahm er mit und schon bald – 1694 – begann er als Kurfürst das verschlafene Residenzstädtchen Dresden zu einer europäische Metropole umzugestalten. Ausländer waren hierzu willkommen. Friedrich August I. modernisierte Sachsens Verwaltung und drängte adlige Einzelinteressen zurück. Die Jahrhunderte überdauert und nach Zerstörungen immer wieder aufgebaut bilden barocke Schlösser und Gärten, Paläste und Kirchen einen Grundstock der sächsischen Baukultur. Als König von Polen und oberster Kriegsherr Sachsens war August in der europäischen Politik sehr präsent. Zugleich haben manche seiner, vor allem die kriegerischen Taten den Untertanen Elend gebracht. Doch wenn die heutige “Stadtgesellschaft” Dresdens, sofern es sie in solcher Homogenität gibt, wirklich am “ollen König” und seiner Kultur (Oper, Gemäldegalerie, Schlösserland Sachsen usw.) hängt, dann sollten die Stadtoberen sich das zunutze machen. Und August den Starken als Europäer herausheben (nicht glorifizieren). Einen Vorschlag, wie das aussehen könnte, zeigt meine Fotomontage.

Bei der Bewerbung Dresdens als Kulturhauptstadt Europas frage ich mich, wie  Europa, Deutschland und Dresden 2025, also in knapp neun Jahren aussehen werden. Haben bis dahin noch einige “Jahrhundert”-Fluten die Stadt heimgesucht? Waren weitere Flüchtlingswellen zu verkraften? Wird Europa wieder auf dem Weg nach vorn sein oder sind die zentrifugalen Kräfte noch stärker geworden? Hat uns die Digitalisierung weiter entfremdet oder auf neue Weise verbunden? Bringt die erwartete größere Einwohnerzahl Dresdens frischen Wind in die Stadt oder wachsen zugleich die sozialen Spannungen? Es geht nicht darum, sich das schwärzeste Szenario auszudenken. Vielmehr sollte die Bewerbung deutlich machen, dass Kultur ein Anker ist, der die Gesellschaft im positiven Sinne fest- und zusammenhält.

Was überhaupt ist Kultur? In Wikipedia finde ich: “Kultur bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur.”(31.10.2016) Nachhaltig muss Kultur sein, fanden die meisten Teilnehmer des eingangs genannten Workshops. Die “Hochkultur” Augustscher Prägung ist das bereits. Jetzt kommt es auf nachhaltige Alltagskultur an. Eine auf gegenseitigem Respekt beruhende Streitkultur gehört dazu, die Konflikte löst und nicht verschärft. Wenn alle nur laut schreien, hört keiner mehr zu. Bessere Baukultur ist ein weiteres Element. Interkulturelles Leben ebenso. Vielleicht hat Dresden eine Chance Kulturhauptstadt Europas 2025 zu werden, wenn es diesen Ansatz in der Bewerbung wählt. Die Stadt braucht ihn ohnehin.

Hier noch ein Veranstaltungstipp:  https://www.kongress-erbe-der-stadt.de/

 

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