Anruf bei Goethe

Smartphones brauchen keine Telefonzellen. Doch die sind nicht überall verschwunden. Einige bieten Platz für Bücher und bringen als Booksharing-Stationen Literatur in den Alltag. Manchmal sogar Goethe.     

Dieser Text ist nicht für Buchhändler geeignet, es sei denn, sie wollen sich unbedingt ärgern. Auch Antiquare sehen nach der Lektüre möglicherweise und wirklich alt aus. Dabei geht es gar nicht gegen sie, sondern um eine weitere Form, sich Bücher anzueignen. Nur das sie nicht (noch einmal) gekauft werden.

Seit einigen Jahren nimmt der nichtkommerzielle Bücheraustausch zu und ist nicht mehr zu übersehen. Selbst in kleinen Orten findet man Möglichkeiten, gebrauchte Bücher auszuleihen oder eigene weiterzugeben. 3.417 solcher Büchertauschschränke soll es laut Wikipedia in Deutschland geben (Stand 10. März 2024). Einen geeigneten Platz bieten Telefonzellen, die schon lange nicht mehr ihrem ursprünglichen Zweck dienen. Dank ihrer Abgeschlossenheit, vor allem wenn die Türen noch funktionieren, bieten sie hervorragenden Schutz vor Wind, Regen und Schnee. Das Papier bleibt trocken. Wählt man die Nummer 28081749, so gelangt man zu Johann Wolfgang von Goethe (x). Manchmal geht der mittlerweile 275-Jährige noch ans Telefon, das heißt es finden sich „Die Leiden des jungen Werther“, „Reineke Fuchs“ oder gar der „Faust“ im Bücherregal.

Man kann die Nase rümpfen und klagen, wie erbärmlich das sei, auf diesem Wege zur deutschen Klassik zu kommen. Doch jeden Tag werden Bibliotheken privater Haushalte aufgelöst, weil ihre Besitzer sie nicht mehr nutzen können. Wenn es schnell gehen muss, landen auch die so genannten guten Bücher in der Papiertonne. Gar nicht zu reden von Krimis und anderer Unterhaltungsliteratur, für die sich kaum noch ein Antiquariat als Abnehmer findet. Das trifft natürlich auch auf Leute zu, denen die Anzahl ihrer einmal und nicht wieder gelesenen Bücher schlichtweg zu viel ist, und die sie unkompliziert weitergeben wollen.

Ich gehöre mittlerweile zur Generation der Älteren und die Zahl meiner Bücher liegt im vierstelligen Bereich. Da war es an der Zeit, sich von denen zu trennen, die ich wahrscheinlich nicht noch einmal lesen werde. Mittlerweile habe ich schon einige in öffentliche Bücherregale gestellt. Manchmal finde ich dort überraschend auch Titel meiner „Lese-Longlist“, die ich bisher noch nicht gekauft oder in der Bibliothek ausgeliehen hatte, und nehme sie mit: „Dr. Schiwago“ von Boris Pasternak, „Die Asche meiner Mutter“ von Frank Mc Court oder „Abschied“ von J.R. Becher.

Booksharing nennt sich diese Art des Gebens und Nehmens von Büchern. Die Stationen reichen von den schon genannten Telefonzellen über originell gestaltetet Bücherkisten (siehe Fotos) bis zu einfachen Regalen in Supermärkten.

Schaut man sich in und an den Stationen genauer um, sieht man sie als soziale Indikatoren der jeweiligen Gegend. Mancherorts ist der erste, äußerliche Eindruck schon gut und der zweite zeigt eine Vielzahl an interessanten Titeln. Woanders findet man weniger und kaum ansprechende Bücher in den Regalen, dafür ein Repertoire von Secondhand-Artikeln wie Spielzeug, gebrauchte Kinderkleidung und Nippes. Unaufgeräumt wirken sie und ähneln eher Müllbehältern. Ein Anruf bei Goethe führt hier zur Ansage „Kein Anschluss unter dieser Nummer.“

Manchmal kommen an den Bücherschränken Gespräche zustande mit Leuten, die man bisher nicht kannte und die ebenfalls schauen, ob es interessante Lektüre gibt. Das ist genauso zufällig wie das Angebot selbst. Literatur wird hier zum Alltag.

Ich werde auch künftig Bücher neu kaufen, wohlüberlegt, oder sie antiquarisch erwerben, zum Beispiel auf booklooker.de. Der Städtischen Bibliothek Dresden und der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB)  bleibe ich als treuer Leser erhalten. Dennoch freue ich mich darauf, bald mal wieder an einer Booksharing-Station von Büchern überrascht zu werden.

(x) Johann Wolfgang von Goethe wurde am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren.

 

 

 

 

 

 

 

Bücherkiste in Dresden, Homiliusstraße

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